Baden-Württembergische Einzelmeisterschaften der Damen und Herren in Baiersbronn
Lea Lachenmayer und Torben Wosik fahren zu den TT-Finals nach Erfurt

Von Thomas Holzapfel

Elisa Bao Chau Nguyen TTV Grün Weiß Ettlingen

Bringt man es trocken und sachlich auf den Punkt, haben die Topfavoriten bei den diesjährigen Baden-Württembergischen Meisterschaften in Baiersbronn ihr Soll erfüllt und sich verdientermaßen den Titel geholt. Doch freilich steckt mehr als nur die bloße Pflichterfüllung hinter den Triumphen von Erstligaspielerin Lea Lachenmayer (ESV Weil am Rhein) und dem 52-jährigen ehemaligen Vize-Europameister Torben Wosik, die die baden-württembergischen Farben nun bei den deutschen Titelkämpfen im Juni in Erfurt vertreten. Der SSV Schönmünzach erwies sich in der Baiersbronner Murgtalhalle als liebevoller Gastgeber einer rundum gelungenen zweitägigen Topveranstaltung.

An (fast) allen Tischen in der Halle waren mittlerweile die Schläger beiseitegelegt, nur noch eine Entscheidung stand am Sonntagabend gegen 18:30 Uhr aus. Das Einzelfinale zwischen Lea Lachenmayer und Alexandra Schankula (DJK Sportbund Stuttgart) sah zuerst nach einer klaren Sache für die 21-jährige Lachenmayer aus: Bei 2:0-Satzführung und einer 9:7-Führung im dritten Durchgang hatte die Abwehrspielerin den erstmaligen Titelgewinn bereits vor Augen. „Doch dann ging bei mir einiges durch den Kopf“, meinte Lea Lachenmayer hinterher. Sie dachte an das Endspiel vor zwei Jahren in Angelbachtal, in dem sie nach zwei Matchbällen noch gegen Schankula den Kürzeren zog. Und da waren zahlreiche Veranstaltungen zu Jugendzeiten, in denen die Frickenhausenerin auf höchster Ebene oftmals nur Zweite wurde – beispielsweise im Mai 2022 bei der Jugend-DM in Chemnitz oder ein Jahr später mit der deutschen U 19-Nationalmannschaft bei der EM in Polen.

Irgendwie war im Spiel von Lachenmayer der Stecker gezogen, die Durchgänge drei und vier gingen mit 11:9 und 11:3 an Alex Schankula und auch beim Stand von 0:3 und 3:5 im Entscheidungssatz sprach nicht allzu viel für die Erstligaspielerin. Doch sie rappelte sich noch einmal auf, setzte immer wieder zu ihren überfallartigen Vorhand-Topspins an und ging ihrerseits mit 10:5 in Führung – fünf Matchbälle. Dann 10:6, 10:7, 10:8, 10:9. Gibt sie das tatsächlich noch aus der Hand? Nein…der Angriffsball von Schankula geht ins Aus. Lea Lachenmayer geht in die Knie, klopft nach diesem Wechselbad der Gefühle auf den Boden. „Endlich“, denkt sich Lea Lachenmayer. Und sagen auch ihre Eltern auf der Tribüne. „Ich hab ja eigentlich keinen Druck, aber ich wollte halt unbedingt mal einen Titel holen“, sagte Lea Lachenmayer, die im Glücksgefühl die Tränen nicht ganz verbergen konnte. Alexandra Schankula haderte am Ende vor allem mit dem verlorenen zweiten Satz (11:13). „Danach wurde es natürlich schwer. Aber das Halbfinale war mein Ziel. Ich nehme dieses Jahr in Erfurt wieder an der Senioren-DM teil und will dort abermals das Triple holen.“

Im kleinen Finale setzte sich Bao Chau Elisa Nguyen (TTV Grün-Weiß Ettlingen) gegen Chenhao Chen von Drittligisten TSV Korntal in vier Sätzen durch. In der Wiederholung des Vorjahres-Halbfinals musste sich Nguyen nach einem vergebenen Matchball Alexandra Schankula mit 11:13 im fünften Satz geschlagen geben. Lea Lachenmayer hatte gegen Chenhao Chen beim 11:4, 11:9 und 11:9 weniger Mühe. In den wenigen Fünfsatzpartien der Endrunde hatten die Lokalmatadorinnen des SSV Schönmünzach das bessere Ende nicht auf ihrer Seite: Abwehrspielerin Antonia Bernhard unterlag Minh-Thao Nguyen (SU Neckarsulm), Julia Kaim musste sich nach großem Kampf Chenhao Chen geschlagen geben.

Baden-Württembergische Meisterinnen im Doppel wurden Alexandra Schankula und Amelie Fischer, die sich gegen Bao Chau Elisa Nguyen/Lea Lachenmayer durchsetzten. Mit 11:7 ging der Entscheidungssatz im Finale an das eingespielte Stuttgarter Zweitligadoppel.

Hochklassigen Sport bot auch die Einzelkonkurrenz bei den Erwachsenen, in der sich Tom Eise (DJK Offenburg), Halbfinalist 2024, als einziger ohne Satzverlust durch die Vorrunde manövrierte. Der topgesetzte Torben Wosik (SC Staig) musste sich in der Gruppenphase vor allem gegen Cosmo Schmitt (TTSF Hohberg) strecken. Im unteren Turnierbaum der Endrunde setzte sich der an Position zwei gesetzte Marcel Neumaier (TTSF Hohberg) in den KO-Spielen durch, im oberen lief Torben Wosik zur Höchstform auf. Stets fokussiert, zog der Vize-Europameister des Jahres 2003 und mehrfache WM- und EM-Teilnehmer konsequent seine Linie durch und marschierte ohne Satzverlust ins Endspiel. Dabei ließ er sich auch im Halbfinale nicht vom beherzten Spiel von Ausnahmetalent Tien Nghia Phong (TTC immoXone Bietigheim-Bissingen) aufhalten. „Es war mal eine tolle Erfahrung, gegen Torben Wosik zu spielen“, meinte „Tini“ Phong anerkennend.

Auch das Finale gegen Marcel Neumaier war beim 11:7, 11:6 und 11:9 eine klare Sache für Wosik. „Jetzt hätte ich gerne ein Rumpsteak und ein paar Bierchen“, äußerte der 52-jährige Linkshänder direkt nach dem Finalerfolg einen eher ausgefallenen Wunsch. Wosik hatte auf eine Teilnahme im Doppel und Mixed-Wettbewerb verzichtet. „Das wäre wohl etwas zu viel für mich gewesen“, sagte der Böblinger. Allerdings könne er das Thema um sein Alter nicht mehr hören. „Ich fühle mich fit genug und hätte sicherlich noch ein paar Sätze auf diesem Niveau spielen können. Aber morgen, wenn die Anspannung weg ist, werde ich natürlich meinen Körper spüren“, sagte Wosik und lächelte. Im Spiel um Platz drei zwischen zwei starken Nachwuchsspielern behielt Tien Nghia Phong (14) gegen den Neu-Grünwettersbacher Adrian Gossow (17) mit 11:9 im Entscheidungssatz die Oberhand.

Im Erwachsenen-Doppel ging der Titel an die Offenburger Paarung Tom Eise/Axel Lehmann, die sich am Ende dem jugendlichen Elan von Jannis Würzberger/Tien Nghia Phong (11:7, 6:11, 11:5, 8:11, 11:4) erwehrten. Bereits am ersten Turniertag fiel die Entscheidung im Mixed, hier triumphierte derweil die Jugend. Bao Chau Elisa Nguyen und Tien Nghia Phong, deutsche Meister im Jugend 19-Mixed, machten gegen die Defensiv-Kombination mit Lea Lachenmayer und den Böblinger Luis Hornstein am Ende sechs Punkte mehr (11:9, 12:10, 12:10).

Am ersten Tag der Meisterschaften wurde auf den Einsatz von Schiedsrichtern am Tisch verzichtet, einige davon weilten bei den parallel stattfindenden Baden-Württembergischen Meisterschaften der Jugend 11/13 in Plüderhausen. Mit freiwilligen Schlägertests konnten die Sportler, die sich für den Folgetag qualifizierten, auf Nummer sicher gehen. Oberschiedsrichter Werner Nüssle (VfL Oberjettingen) sowie Schlägertesterin Melanie Timke und Einsatzleiter Lukas Eichhorn konnten am Sonntag auf die Unterstützung von knapp 23 Unparteiischen zählen. Darunter auch Lokalmatador Phillip Hildebrand (SSV Schönmünzach) und der Haslacher Christoph Geiger, der als Gold Badge-Inhaber die höchste Schiedsrichter-Zertifizierung besitzt. Zwischen dem China Smash in Peking, wo er das Einzelfinale zwischen Weltmeister Wang Chuqin und dem Olympiadritten Felix Lebrun leitete, und dem Europe Top 16 im Februar in Montreux ließ sich der 33-Jährige dein Einsatz bei den BaWüs nicht nehmen. Am Ende konnte bei den Referees das erfreuliche Fazit gezogen werden: Besondere Vorkommnisse – keine.

Auf Grund diverser Absagen im Vorfeld hatte Chris Kratzenstein (Referent für Erwachsenensport in TTBW) bei der Planung des Turniers alle Hände voll zu tun. Am Tag des Qualifikationsturniers blieben derweil kurzfristige Absagen aus, die eine oder andere Verzögerung auf Grund eines straffen Turnierplans und einiger lange währender Fünfsatzpartien ließ sich dennoch nicht ganz vermeiden. Am zweiten Turniertag leitete Stefan Krumm (TTSV Kenzingen), stellvertretender Vorsitzender des Bezirks Breisgau, das Geschehen, an beiden Tagen stand die Grüntalerin Manuela Eisenbeis (Bezirk Schwarzwald, Ressortleiterin Einzelsport und Turnierleiterteam) hilfreich zur Seite. Bis vor kurzem war Stefan Krumm noch für TTBW als Beauftragter Einzelsport tätig, weshalb er von Präsident Rainer Franke geehrt wurde.

Baiersbronn als flächenmäßig größte Gemeinde Deutschlands stand eine Woche lang nicht im Zeichen von Gourmetküche und Urlaub, sondern war fest in der Hand der Tischtennisspieler. „Mit dem SSV Schönmünzach hat der Tischtennissport bei uns seit viele Jahren an großer Bedeutung gewonnen“, zeigte sich Bürgermeister Michael Ruf bei der Begrüßung positiv angetan von der Arbeit des „beständig gut geführten“ Ski- und Sportvereins Schönmünzach, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert und aus diesem Anlass noch mit weiteren Aktivitäten aufwartet. „Der SSV war ein sensationeller Gastgeber“, attestierte TTBW-Präsident Rainer Franke. „Ich bin sehr zufrieden, wie die Tage abliefen“, meinte auch SSV-Vorstand Klaus Frey, „die Baden-Württembergischen Meisterschaften der Erwachsenen fehlten uns noch in unserer Sammlung der durchgeführten Turniere.“ Klaus Frey konnte auf ein tatkräftiges Team im Bereich des Caterings sowie des Auf- und Abbaus zählen. Als gewohnt aufwendig gestaltete sich die etwa sechsstündige Installation der 130 angelieferten Spielfeldumrandungen. „Hier sollte sich die Tischtennisindustrie mal Gedanken machen, wie diese Banden effektiver zusammengebaut werden könnten. Das war das einzig Nervigste an diesem Wochenende“, meinte Klaus Frey. Sportlich hätte das Turnier voll und ganz seine Erwartungen erfüllt, auch wenn die Niederlagen der Schönmünzacher Damen etwas unglücklich waren. Dafür schaffte es sein Sohn Fabian Frey als einer der ungesetzten Teilnehmer ins Hauptfeld.

Positives Feedback erhielten auch Ute Walkenhorst (Technik) und Walter Dörling (Moderator), die bereits zum sechsten Mal gemeinsam einen Livestream zur Verfügung stellten und – nur unterbrochen durch einen kurzzeitigen Internetausfall - viele Tischtennisfans zuhause mit bewegten (und teilweise bewegenden) Bildern versorgten. Schließlich blieben bei zahlreichen Generationsduellen oder spannenden Vergleichen unter den jungen Kaderspielern auch die kleinen Dramen nicht aus. „Vor allem am Sonntag ratterte der Chat unaufhörlich“, meinte Ute Walkenhorst. Im Livestream lieferten zahlreiche Gesprächspartner Einblicke in das Verbands- und Sportgeschehen, darunter TTBW-Präsident Rainer Franke, Vizepräsident Jugendsport Matthias Grünenwald, der spätere Sieger Torben Wosik oder auch die selbst ernannten Spice Girls und Backstreet Boys in Person von zahlreichen Nachwuchstalenten aus dem Verbandsgebiet.

Bericht: Thomas Holzapfel

Fotos: Volker Arnold

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